Leben und Wirken

Ferdinand Harmer wurde am 31. Mai 1891 in Eggenburg, NÖ, als Sohn des Taglöhners Ferdinand Harmer und
dessen Ehegattin Maria als 7. Kind von acht Kindern geboren. Seine Eltern führten
später ein Lebensmittelgeschäft in seinem Geburtsort. Während seiner Volks- und Bürgerschulzeit
in Eggenburg erlernte Harmer Violine, Flügelhorn und Klavier.
Da ihm auf Grund der finanziellen Möglichkeiten seiner Großfamilie der Besuch einer höheren Schule verwehrt blieb, meldete sich Harmer mit Zustimmung seines Vaters nach dem vollendeten 14. Lebensjahr und Abschluss der Bürgerschule freiwillig als Musikeleve zur Regimentsmusik vom Infanterie - Regiment Nr. 84 nach Krems, wo er von 1905 bis 1913 diente und er zum Soloflügelhornisten und Musikunteroffizier aufstieg. In diesem Zeitraum war er bei sämtlichen Konzerten der Regimentsblasmusik und
des Streichorchesters im Einsatz und genoss die Musikausbildung in Theorie und Praxis. Seine Lehrmeister waren die Militärkapellmeister Josef Lassletzberger und Vinzenz Prax. Im Jahr 1913 lies sich Harmer zur 2. Kompanie des selben Regimentes überstellen, um sich für den Zivilberuf vorzubereiten und wurde zum Rechnungsunteroffizier ausgebildet. Mit Beginn des 1. Weltkrieges im Jahr 1914 zog Ferdinand Harmer mit der 2. Feldkompanie des IR. Nr. 84 an die russische Front und
gelangte in Kriegsgefangenschaft, die bis Jänner 1920 andauerte. In der Zeit seiner langen Gefangenschaft gründete Ferdinand Harmer im Lager ein Orchester, einen Gesangverein und eine Theatergruppe. Durch seine Lageraktivitäten wurden zahlreiche Veranstaltungen möglich,
die ganz sicher den vielen Tausenden Kameraden die schwere Zeit der Kriegsgefangenschaft
erleichterten.
Nach seiner Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurde Ferdinand Harmer als Finanzbeamter dem Grenzdienst zugeteilt.
Mit 21. September 1921 wurde Harmer zur Justiz übernommen und dem Bezirksgericht Haag zugewiesen.
Seine erste Wohnstätte war im Markt Haag Nr. 80 im alten Gerichtshaus (heute Gemeindewohnhaus - Wienerstraße 14).
Bereits 1922 legte Harmer die 1. Kanzleiprüfung, 1927 die Grundbuchführerprüfung und 1928 am Realgymnasium
Steyr die Ersatzmatura ab. 1944 folgte - zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Grundbuchführer
(seit 1930) - die Rechtspflegerprüfung und die Bestellung zum Rechtspfleger beim Bezirksgericht Haag. Am 19. Februar 1924 ehelichte Ferdinand Harmer in der Pfarrkirche Haag die Witwe Anna Theresia Friedrich, geborene Hummelberger, und zog in das Elternhaus seiner Ehefrau in Markt Haag
Nr. 69 (heute Linzerstraße 07).
Seine Gattin Anna Theresia war Sängerin und Pianistin und in späterer Folge maßgeblich an den Erfolgen ihres Gatten beteiligt. Sie war Korrepetitorin bei der Einstudierung
der Operetten und Konzerte der Liedertafel und wirkte aktiv als Schauspielerin des Haager Theatervereines mit. Gleich nach seinem Dienstantritt beim Bezirksgericht Haag im Jahr 1921 widmete Harmer sein überzeugendes musikalisches Talent in seiner Freizeit dem Haager Musikleben. Vereinsverflechtungen – ein kurzer Rückblick: Musik- und Gesangverein Haag / Männergesangverein
„Liedertafel“ Haag. Seit 1860 besteht ein Männergesangverein. Im Jänner 1875 wurde auch ein
Streichorchester und eine Blasmusikkapelle gegründet. Nur wenige Monate später trat eine Spaltung unter den Mitgliedern ein, die zu einer Teilung in zwei Vereine führte. Im Dezember 1875 wurden
die Satzungsänderungen bewilligt. Die bäuerlichen Mitglieder vereinigten sich in der Blasmusikkapelle und im Männerchor, die Marktbewohner schließen sich im Jahr 1886 im Männergesangverein „Liedertafel“ zusammen, dem in weiterer Folge ab 1889 auch das Streichorchester eingegliedert war. Im Jahr 1955 wurde der gemischte Chor des Männergesangvereines „Liedertafel“ gegründet. Seit dieser Zeit gibt es den Männer- und
den Gemischten Chor, heute „Chor – Haag“. Harmer gelang es auf Grund seiner persönlichen Wertschätzung in der Haager Bevölkerung, die ländliche Bevölkerung und die bürgerlichen Marktund
später Stadtbewohner zu gemeinsamen musikalischen Aktivitäten im Chor-, Streich- und Blasmusiksektor zu begeistern. Vermutlich waren seine musikalische Vorbildung und seine
dienstliche Stellung am Bezirksgericht Haag mit verantwortlich. Ferdinand Harmer war in Haag ab 1921 als Chormeister des Männergesangvereines „Liedertafel“ und als Dirigent des Liedertafel – Streichorchesters tätig. Am 14. März 1925 hat Harmer die erste Probe mit der Haager Blasmusikkapelle geleitet, da er zum Instruktor und Dirigenten des Musik- und Gesangvereines
ernannt wurde. Gleichzeitig war er auch als Kirchenmusiker in der Pfarrkirche aktiv und in späterer Folge auch Leiter eines Salonorchesters, das bei Tanzveranstaltungen aufspielte.
Ab dem Jahr 1928 wird Ferdinand Harmer vermutlich auf Grund Wertschätzung seiner Musikerkollegen und seiner Verdienste um das Haager Musikwesen in den Protokollbüchern des Musik- und Gesangvereines nicht mehr als Instruktor und Dirigent, sondern als „Musikdirektor“
geführt. Wegen seiner jahrzehntelangen Tätigkeit in Haag bekam Harmer im Jahr 1952 vom Männergesangverein „Liedertafel“ Haag den Titel eines Ehrenchormeisters zugesprochen.
Über die Gemeindegrenze hinweg war Harmer auch in Interessensgemeinschaften und Verbänden tätig. So kam es im Jahr 1925 zur Gründung des „Musik – Gauverbandes“ mit Sitz im Markt Haag
in Niederösterreich. Obmann war Ferdinand Harmer aus Markt Haag. Als Stellvertreter fungierte der Weistracher Chorleiter und Kapellmeister der Musikkapelle, Alois Rusmayr. Bereits im März 1929 wurde der „Bund der Musikkapellen Niederösterreichs und des Burgenlandes gegründet. Die Obmannstelle für den Bezirk Amstetten übernahm Grundbuchführer Ferdinand Harmer aus Haag.
Im Jahr 1952 wurde der Verein „Bund niederösterreichischer Blasmusikkapellen“ gegründet. Zugleich bildete sich auch die Bezirksarbeitsgemeinschaft Amstetten, der Musikdirektor Ferdinand
Harmer bis zu seinem Tod als Bezirksobmann vorstand. Erster Bezirkskapellmeister war Ferdinand Lindner aus Waidhofen/Ybbs, dem 1955 Wilhelm Gutenbrunner aus Allhartsberg folgte.
Im Jahr 1932 fand im Rahmen der Stadterhebungsfeier in Haag am 2. Oktober ein Preisspiel statt, bei dem die Musikkapellen von Aschbach, Ebelsberg, Garsten, Klein Raming, Kürnberg, Haag und Seitenstetten teilnahmen. Als Preisrichter fungierten Militärkapellmeister Damberger aus Linz, Kapellmeister Sautner aus Amstetten und Kapellmeister Rusmayr aus Weistrach. Als Hauptpreise
wurde von den Haager Frauen ein Flügelhorn, eine Violine und eine Es – Trompete gespendet. Preisspielergebnis: 1. Preis – Garsten, 2. Preis Haag, 3. Preis Ebelsberg. Vermutlich war Harmer mit
dem Wertungsergebnis nicht ganz zufrieden – wurde die Musikkapelle Haag doch mit dem 2. Preis bedacht. Laut der Überlieferung waren die beiden Musikerkollegen Kapellmeister Harmer aus
Haag und Wertungsrichter Rusmayr aus Weistrach konträrer musikalischer Auffassung, was Harmer zur Aussage „Jeder Kapellmeister spinnt anders!“ veranlasste. Harmer war auch Gelegenheitskomponist. Einige seiner Werke für Blasmusik sind im Notenarchiv der Stadtkapelle
abgelegt.
Für die Haager Stadterhebungsfeierlichkeiten im Jahr 1932 hat Harmer den
„Haager Festmarsch“ komponiert. Seine Komposition wurde im Frühjahr 2004 von den Mitgliedern der Stadtkapelle Haag auf der neu erschienenen CD „Klingendes – Singendes Haag“ eingespielt.
Laut einer vorliegenden handschriftlichen Aufzeichnung übersandte Ferdinand Harmer seine Kompositionen (vermutlich seine Chorkompositionen) am 10. April 1943 an das Archiv des Eggenburger Männergesangvereines. In seinem 35-jährigen Wirken in Haag hat Harmer neben den jährlich wiederkehrenden Konzertaktivitäten bei der Blasmusik und beim Männerchor allein
mit dem Streichorchester über 350 mal als Dirigent bei den Theaterproduktionen mitgewirkt. Ungezählt sind die Auftritte mit seinem Salonorchester, wo er als Stehgeiger bei Bällen und Hochzeiten in Haag und Umgebung für gepflegte Tanz- und Unterhaltungsmusik sorgte.
Einer der Lieblingsmärsche für Blasmusik von Ferdinand Harmer war der „84er Regimentsmarsch“ von Karl Komzák, was seine nachhaltige Verbindung zu seinem Stammregiment zum Ausdruck
brachte. Am 21. Juni 1956 verstarb Ferdinand Harmer nach längerer Krankheit im Krankenhaus Steyr. Seine letzte Ruhestätte befindet sich im Haager Friedhof, wo auch seine Gattin (+ 14. Jänner 1987) beerdigt wurde.
(Dieser Text wurde verfasst von Dir. Josef Mayr)